BAD BELZIG 2026

SCHEIN UND SEIN – Fotografisches 1981-2026

Roger Loewig Museum Bad Belzig

>>> El Fox 2020>>> Flying Lights 2026 – >>> Runde Ecken und Rasterstrukturen 2015 – KI 2022 – >>> Magenta 2013

Liebe Gäste des Roger-Loewig-Hauses,

lieber Florian Merkel,

das Entdecken, das Wiederentdecken und das Wundern sind menschliche Fähigkeiten, derer sich bis jetzt kein Algorithmus rühmen kann. In Florian Merkels fotografischen Arbeiten stoßen wir auf Gesichter und Physiognomien von nebenan, auf vertraute Orte und Plätze, und daneben auf Farben und Formen, die nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen. Da gibt es also noch eine andere, stellen wir staunend fest. Zum Glück können wir das.

„Schein und Sein“ hat Florian Merkel seine Ausstellung mehrdeutig genannt. Einem bärtigen Philosophen zufolge, der in Merkels Geburtsstadt auf einem Gneissockel aus der Südukraine kaltgestellt wurde, bestimmt das Sein das Bewusstsein. Florian Merkel, geboren im Jahr des Mauerbaus, der sich in diesem Jahr zum 65. Mal jährt, kommt aus Karl-Marx-Stadt, früher und gegenwärtig Chemnitz, auch das „sächsische Manchester“ genannt.

Eines der noch schwarz-weißen Exponate dieser Ausstellung führt in eine Leipziger Wollkämmerei zu einer selbstbewussten Arbeiterin. Florian Merkel hat sie 1986 für seine Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig fotografiert. Er erinnert sich an archaische Arbeit und die Unmittelbarkeit, mit der ihm begegnet wurde.

links: KI – rechts: >>> Barbara Köhler 1985 + VEB Wollkämmerei Leipzig 1986

Dieser Mappe hat Merkel auch das Frontalportrait von Barbara Köhler entnommen. Die Lyrikerin schaut ihre Betrachter ernst an. Oder schaut sie durch sie hindurch? Auf 1989/90, die Zeit des Mauerfalls, ist ihr Gedicht „Rondeau Allemagne“ datiert. Barbara Köhler, Altenpflegerin, Theaterbeleuchterin und Karl-Marx-Städterin vom Kaßberg, schreibt:

Ich harre aus im Land und geh, ihm fremd,
Mit einer Liebe, die mich über Grenzen treibt,
Zwischen den Himmeln. Sehe jeder, wo er bleibt;
Ich harre aus im Land und geh ihm fremd.

Mit einer Liebe, die mich über Grenzen treibt,
Will ich die Übereinkünfte verletzen
Und lachen, reiß ich mir das Herz in Fetzen
Mit jener Liebe, die mich über Grenzen treibt.

Zwischen den Himmeln sehe jeder, wo er bleibt:
Ein blutig Lappen wird gehißt, das Luftschiff fällt.
Kein Land in Sicht; vielleicht ein Seil, das hält
Zwischen den Himmeln. Sehe jeder, wo er bleibt.

Barbara Köhler erinnert an zwei weitere wichtige menschliche Fähigkeiten, die Skepsis und die Renitenz. Nach seiner Diplomarbeit sollte Merkel die Führungsriege des Kulturbundes der DDR portraitieren. Die Funktionäre gefielen sich nicht.

Bereits vor dem Studium hatte Merkel die Protagonisten der Kunstszene seiner Heimatstadt fotografiert. Da sind die Malerbrüder Andreas Martin Stelzer und Michael Stelzer. Der expressive Autodidakt Andreas Stelzer, alkohol- und tablettenerfahren und Teilnehmer der X. Kunstausstellung der DDR, darf als Beiträger zu einer Karl-Marx-Städter Art Brut gelten, der Humor nicht fremd war.

>>> Porträts 1981

Dann Andreas Stelzer und sein Freundeskreis: Jan Kummer, er wird die Experimental-Band AG Geige mitbegründen, und Bildender Künstler, in der Mitte Gabi Engelhardt. 2024 hat die Antifaschistin den Chemnitzer Friedenspreis erhalten, wir sehen sie hier ein zweites Mal mit Gullymoy Geißler, Musiker auch er und stadtbekannter DDR-Oppositioneller. „Die anderen Menschen fand ich in der entgegengesetzten Richtung“, heißt es bei Thomas Bernhard, der just in jenen Achtzigerjahren in der DDR veröffentlicht und gelesen wurde.

>>> LOMO Pictures 1988

Florian Merkel ging 1988/89 mit einer Lomo LC-A, die sowjetische Suchbildkamera sollte in den frühen Neunzigerjahren zu einem Kultobjekt werden, durch die nächtlichen Straßen. Mit der Lomo lassen sich Motive bewusst in den Nebel des Scheinbaren tauchen. Florian Merkel ermöglichte sie grobkörnige Standbilder von Stadtlandschaften im Übergang. Der Ost-Berliner Palast der Republik ist in eine leuchtende Ferne entrückt, die Prenzlauer Allee im mythischen Prenzlauer Berg wird zum Ort eines Film Noir. Die Buden des Karl-Marx-Städter Weihnachtsmarkts am Hauptpostamt in der Nähe der Stadthalle sind von Menschen verlassen. Es ist das Unperfekte, das Unscharfe, mit dem diese Fotos treffen.

Vermeintliche Makellosigkeit hingegen auf den Architekturfotografien, die der Architektensohn Merkel ab den frühen Neunzigern macht: In Ost-Deutschland setzt in diesen Jahren eine eigentümliche Lückenbebauung ein. Die gähnenden Ecken der Altbaukarrees werden mit einem Häusertyp geschlossen, den Merkel als „runde Ecke mit Krone“ umschreibt.

Diese Architektur überschreibt die Spuren des Zweiten Weltkriegs, sie strebt nach einem versöhnlichen Abschluss des Stadtbildes, kann aber das Abweisende nur notdürftig verdecken. Spätere Fassaden erinnern in ihrer Struktur an Klaviertasten. Es sind auswechselbare städtische Physiognomien, die da entstanden sind und weiter entstehen. Dass man nicht selten mit dem Zug zwischen ihnen hindurchfährt, mag ein Sinnbild sein.

unten: >>> runde Ecken und Rasterstrukturen 2015 – oben: >>> El Fox 2020 / >>> Flying Lights 2026

Am Himmel über diesen Städten tut sich was. Seit 2024 fotografiert und filmt die Künstlerin Lydia Thomas unidentifizierte Leuchterscheinungen über Chemnitz und Dresden. Auf ihren Fotos, in ihren Videos ist es nur ein kleines Licht, ein kurzes Flackern, das Merkel dann verarbeitet. Er nutzt aus, was Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop können, und zoomt hoch, soweit es geht. Dabei entdeckt er Muster, die noch der Deutung und Erklärung harren. Wir wissen einfach nicht genau, was wir dort sehen. Oder wen?

Thomasʼ und Merkels Verfahren erinnert an die Menschen vergangener Jahrhunderte, die mit einem Fernrohr den Himmel absuchten, Thomasʼ und Merkels Resultate assoziieren die funktionale Ästhetik von Überwachungs- und Wärmebildkameras. Aus der Kälte hingegen, aus dem Kühlschrank, kommt das Filmmaterial der Serie „Magenta 2013“. Die niedrigen Temperaturen konnten die Überlagerung der Filme nicht verhindern, und so entstanden im Umkehrschluss Bilder, deren Schadhaftigkeit eine ganz eigene, rot- und blaustichige Melancholie heraufbeschwört, eine, die an eine überhitzte Abenddämmerung denken lässt.

oben: >>> Magenta 2013 – unten: >>> runde Ecken und Rasterstrukturen 2015 – rechts: >>> Porträts 1981

Florian Merkel ist Bildermensch und als solcher kein Bilderstürmer. Er schreckt vor Maschinen und Technik nicht zurück, aber er macht ihnen zu schaffen, so beispielsweise, wenn er die Künstliche Intelligenz mit Suchanfragen wie „sexy west german skinhead“ und „sexy east german skinhead“ konfrontiert. Die Ergebnisse dieses Systemvergleichs sehen wir hier und halten fest: Die kommunistischen Nymphen und konservativen Hexen im Kampf mit dem Chemnitzer Patriarchat, ein Bild, das Merkel hier nicht ausstellt, haben noch einiges zu tun. Dann doch lieber der menschliche Körper in seiner Schönheit und Divergenz.

Oder der anarchische Einwurf der Musik: Seit den frühen Achtzigerjahren kann man Florian Merkel im Duo Die Gehirne mit Claus Löser hören. Ein anderes Duo waren Tropenkoller, Florian Merkel mit der Bildenden Künstlerin Frieda Schmoll. Ende der Achtzigerjahre startete Merkel mit der Karl-Marx-Städter-Studio Big Band einen musikalischen Kettenbrief.

Aktuell sind er und die Chemnitzer Musikerin und Künstlerin Jens Ausderwäsche Der Lustige Eidechs. All diese Projekte mögen versponnen anmuten, sind dabei jedoch einladend. Wir erleben jetzt gleich die Knut-Baltz-Formation. Dass es sich bei ihr um ein Soloprojekt Florian Merkels handelt, spricht für seinen freundlichen Hintersinn. Ich wünsche uns staunendes Hören und Sehen.

Robert Mießner

Knut Baltz Formation live Foto: Leo Merkel
>>> Film „1989“ im Anbau

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