JOERG WAEHNER 2017

Florian Merkel – Handzeichnungen und Malereien 2014 bis 2017 im kunstRaum 22 Anhaltischer Kunstverein in Dessau

15. September – 21. Oktober 2017

Eröffnung am Freitag dem 15. September 2017 um 17 Uhr
Musik mit Stimme, Perkussion und Gitarre von Maria Erforth und Christian Lorenz (Berlin)
einführende Worte von Joerg Waehner, Autor und Künstler (Berlin)

>>> Ausstellungsansichten / exhibition views

I

Jeder…, aber auch jeder Kunstinteressierte weiß, dass die größten deutschen Künstler aus Karl-Marx-Stadt kommen – die Größenwahnsinnigsten – sagen die einen, die wahnsinnig Großen die anderen.

Sie können alles! Zeichnen. Fotografieren. Musizieren. Performen. Installieren & überhaupt.

Denn: Sie haben den größten Kopf, Nischl genannt. Ein Kosmonautenzentrum und Bands wie „Gehirne“ oder „Kraftklub“.

In der Stadt der Moderne, heute so und wieder Chemnitz genannt, gingen Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner aufs Gymnasium und Karl Schmidt-Rottluff benannte sich nach einem ganzen Stadtteil.

Nicht genug. Die Stadt aus „Jugend und Technik“, in der auch Florian Merkel in den 1980ern zuhause war, war ein liebenswertes, braunkohlerauchendes Ungetüm, in dem man, wie ich einmal schrieb, nur Kunst machen oder sich erschießen konnte. Oder, in Florians Fall, einen Speer zückte.

In diesem sozialistischen Biotop aus kollektiver Mund-zu-Mund-Beatmung und implodierenden Boheme-Gehäusen ist Florian Merkel groß geworden. In einem Umfeld aus überhöhten kraftstrotzenden Arbeiterstatuen und großformatigen Transparenten, die, fern jeder Wirklichkeit, Utopien und Verheißungen auf eine bessere Welt propagierten – natürlich für Weltall. Erde. Mensch.

Das war der Humus, auf dem sich alles und aus dem sich alle entwickelten. Wo sich sächsische Kunst-Pioniere und ihre Tränken nach fiktiven Frauen wie Clara Mosch und MARTA benannten und selbst „Kartoffelschälmaschinen“ Musik machten.

Florian Merkel stellte sich selbst in einer Art Überhöhung in den Mittelpunkt seiner Fotos. Das Individuum als selbstbestimmtes Wesen bestimmte sein Bild von sich und den anderen. Er war der König und der Spielmann, Pop-Art-groß und Bonbon-bunt mit einem Heiligenschein aus Kinder-Windmühle. Und das in einer Zeit, in der die Behauptung des Ichs der größte Widerstand war. Alles war politisch, erst recht das Unpolitische. Nicht umsonst verbieten autoritäre Systeme Witze und Ironie gilt ihnen als staatsfeindliche Hetze.

II

Auf diese Art Hybris und Spiralen des Indifferenten traf Florian Merkel als Berliner Neubürger nach 1989. An einem Ort, an dem sich die Umbrüche und Brüche der Zeit am deutlichsten zeigten und sich, wie ich damals schrieb: „Die Aktenberge der untergehenden Macht / Mit denen der aufstrebenden Republik / Zu einem Monument der Schreibtische“ vereinten.

Vielleicht begann Florian Merkel auch daher diese neue Welt in seinen Bildern mit Stiften zu umranden, um dieser Zeit erst einen Umriss zu geben und sie auf Fahnen zu bannen, frei nach dem Motto: „Mit uns zieht die neue Zeit“.

Aus Mythen der Literatur, aus historischen Versatzstücken, aus Motiven der Werbewelt, aus dem privaten Kosmos und der Morgenröte einer verlorenen Revolution schuf Florian Merkel seine Zyklen und Bildwerke. Wenn man eine Welt verliert, kann man sich immer noch die eigene Kunstwelt schaffen. Kann Lebenszeit konservieren. Auch gescheiterte Utopien, ihre Symbole und ihre Helden als Versatzstücke auf einem Abenteuerspielplatz agieren lassen, wie beim kindlichen Verkleiden und Indianerspielen; Heldenträume als Kosmonaut oder Feuerwehrmann ausleben. Frei und ideologisch entleert die Ikonografie dieser Bilder für stilisierte Selbstporträts nutzen. Und doch, steckt in den Inszenierungen eine revolutionäre Kraft, ist ihnen etwas Umstürzlerisches eigen.

Und was sonst?

Florian Merkel stellt den Jugendkult plastikgeformt und als Aufstell-Figuren in schicke Designerbüros als Spiegelbilder ewigjunger Oberflächlichkeit, farbenfroh, naiv und verspielt. Prototypen und geschönte Abziehbilder. Aus Freundlichkeit?

Oder er dokumentiert schonungslos, aber niemals denunzierend, ostdeutsche, überhaupt Provinz, in Schwarz-Weiß, das nebensächlich Sachliche, Unspektakuläre, zeigt Verspieltes und Familiäres.

Er präsentiert alle Facetten seines Künstlertums – als Fotograf, Zeichner, Performer, Musiker – ausufernd, voller Schaffenskraft. Wie ein Zirkusdirektor führt er durch die Manege, eilt von Nummer zu Nummer, um, wenn nicht anders möglich, selbst durch den gehaltenen Ring zu springen. Diesmal sind es Zeichnungen, die er erstmals öffentlich vorführt.

III

Vor vier Jahren, während Florian Merkel als Aufsicht seine eigne Ausstellung beaufsichtigte, begann er zu zeichnen. Erst war es mehr ein Kritzeln. Was sollte er auch tun? Zu den vorhandenen Bildern noch weitere Bilder produzieren, in einer Art Vervielfältigung des Bestehenden? Und was ist das Betätigen des Auslösers, das Stillhalten beim Fotografieren gegen das Nachgeben einer inneren Unruhe, die sich beim Zeichnen über die Finger direkt aufs Papier überträgt? Er folgte diesem Impuls, den er bisher nur vom konzentrierten Kolorieren seiner Fotos kannte; eher ein technischer Vorgang. Das unbeschwerte frei assoziierende Malen machte Spaß und gefiel; das aus sich heraus fließen lassen können. Zu genau kannte Florian das Motive arrangieren, das Warten auf das richtige Licht und den passenden Augenblick, die Disziplin bei jedem Schritt bis zum fertigen Bild.

Das Zeichnen und Malen war eine befreiende Entdeckung. Und was die Seele für Bilder produzierte, Geister heraufbeschwor und kindliche Erfahrung wachrüttelte, entwickelte sich zu einer Kunstfertigkeit, wurde zu einem eigenständigen Genre in Florian Merkels Werk. Natürlich großformatig. Ein mythologisch aufgeladenes Figurentheater: Agamemnon, Ajax, Diomedes. Farbenfroh, frech, flächig, eben ganz Florian.

Das liegt vielleicht nicht zuletzt an seinen sächsischen Wurzeln, an der Unbekümmertheit und der Lust neugierig die Welt zu „beschnarchen“. Das ist neben der Sprache ein großer Vorteil.

Auch ich kann sagen: „I was born in Korl-Morx-Stodt“.

Joerg Waehner